Du hast Tango nicht gelernt.

Sebastian R.Vale

In Argentinien – und sehr wahrscheinlich auch in Uruguay – gab es für einen Mann nur einen einzigen, erstaunlich formellen Weg, Tango zu lernen.
In den Milongas von Buenos Aires gab es jedoch immer mehr Männer als Frauen. Das war eine Folge der Einwanderung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und auch in der Zwischenkriegszeit überquerten Tausende Europäer – überwiegend Männer – den Atlantik, nachdem sie ihren Geliebten eine bessere Zukunft versprochen hatten. Sie ließen ihre Familien zurück, in der Hoffnung, in der Neuen Welt schnell ein Vermögen zu machen, zurückzukehren, Land zu kaufen, eine Estancia aufzubauen und eine Familie zu gründen.
Doch wie so oft entsprachen die Erwartungen nur selten der Wirklichkeit.
Diese Versprechen blieben häufig nichts weiter als Versprechen. Und jeder Mann, der auf der anderen Seite des Atlantiks ein neues Leben begann, wusste eines: Damals war Tango die einzige gesellschaftlich akzeptierte Möglichkeit, einer Frau körperlich näherzukommen.
Stell dir einen jungen Mann vor, der kaum ein paar unbeholfene Tangoschritte kennt und einen Saal voller erfahrener Tänzer betritt. Kein Mädchen mit Selbstachtung würde mit ihm tanzen. Aus Würde. (Oder wäre das heute anders, meine Damen?) Warum mit irgendjemandem tanzen, wenn man mit dem Besten tanzen kann?
Wenn er eine Frau zum Tanzen umarmen wollte, musste er zuerst tanzen können.
Und wenn er die Beste umarmen wollte, musste er außergewöhnlich gut tanzen.
Deshalb begann der Weg dieses jungen Mannes – wie der jedes Mannes im damaligen Argentinien – in einer reinen Männer-Tangopractica. Sie konnte überall stattfinden: in einem Nachbarschaftsclub, einem Innenhof oder einem Gemeinschaftssaal.
Der Junge musste zunächst die Rolle der Frau lernen. Nicht, um in ihr zu bleiben, sondern um die Struktur des Tanzes, seine Philosophie, seine Mechanik und sogar seine Physik zu verstehen. Er lernte zu stehen, zu gehen und vor allem die respektvolle Sprache des Tangos: zuzuhören … und zu antworten.
Nach einigen Monaten, wenn du bereits ein ausreichend guter Follower warst, durftest du zur nächsten Stufe übergehen und versuchen, einen anderen Mann zu führen.
Denn nur indem ihr gemeinsam lerntet, neue Schrittkombinationen erforschtet, ständig die Rollen wechseltet, bekannte Bewegungen verfeinertet und die Technik so weit perfektioniertet, dass jeder Follower deine Körpersprache verstehen konnte, konntest du dich dem großen Ziel nähern: der Frau deiner Träume.
Und das ist vollkommen logisch.
Wenn du an einen Ort gelangen willst, musst du zuerst den Weg kennen.
Wenn du im Tanz führen willst, musst du wissen, wohin du gehst.
Und damit sie – oder er – dich verstehen kann, musst du zuerst die Sprache des Followers kennen.
Dann beginnen sich endlich die Türen zu öffnen.
Doch die Milonga ist eine andere Welt.
Sie ist kein Spielplatz.
Dort hat niemand Mitleid.
Wenn eine Frau dich noch nie hatte tanzen sehen, würde sie ganz einfach nicht mit dir tanzen.
Deshalb baten ältere Milongueros manchmal eine vertraute Frau um einen ganz besonderen Gefallen: eine einzige Tanda mit diesem jungen Mann zu tanzen, um ihn in die Welt der Milonga einzuführen.
Und wehe dir, junger Mann, mit schweißnassen Händen, wenn dieser erste Tanz schlecht ausging.
Dann ging es für mehrere Monate zurück zur Practica. Und selbst als du bereits ein anerkannter Milonga-Tänzer geworden warst, selbst wenn die Frauen von sich aus mit dir tanzen wollten, hörtest du nie auf, die Practicas zu besuchen.
Du verfeinertest weiter deine Technik, schufst eigene Kombinationen und tanztest beide Rollen.
Du wusstest, dass dein Niveau in einer Practica, wenn du mit einem anderen Mann tanztest, makellos sein musste.
Man sagt, in den besten Practicas sei die Qualität des Tanzens sogar höher gewesen als in manchen Milongas der Stadt.
Kein Licht ohne Schatten. Und auch die Geschichte des Tangos hat Winkel, über die nur leise gesprochen wird.
Wie das berühmte Madam Safó Casa de Citas in Rosario.
Es war ein eleganter Salon. Dort erklang Tango. Dort wurde getanzt. Und genau dort wagten es manche Männer zum ersten Mal, eine Frau zum Tanzen zu umarmen.
Die Menschen in Rosario erinnern sich noch heute mit Vorsicht an diesen Ort, als wäre es eine Geschichte, von der alle wissen, dass sie wahr ist, über die man aber besser nicht laut spricht; eines jener Geheimnisse der alten Stadt, die jeder kennt, aber niemand ganz erzählt.
Noch heute wird er beinahe flüsternd erwähnt, als fürchteten die Bewohner Rosarios, den Geist seines Skandals erneut zu wecken.
Vielleicht heißt deshalb der berühmte Tango, der noch immer in den Milongas erklingt, „Madame Ivonne“ und nicht „Madame Safó“.
Der ganze Weg – von deiner ersten Practica bis zu deinem ersten echten Tanz mit einer Frau – dauerte drei lange Jahre.
In den ersten neun Monaten tatest du nichts anderes, als zu folgen.
Deshalb …
Du hast Tango nicht gelernt.
Du hast dir das Recht verdient, ihn zu tanzen.